Werte und Prinzipien – was soll das denn sein?

Agiles Arbeiten beruht auf Werten und Prinzipien. Und damit geht es dann auch schon richtig los …

Werte und Prinzipien, das ist so ziemlich das erste, über das man stolpert, wenn man sich mit agilem Arbeiten bzw. agiler Softwareentwicklung beschäftigen will. Im ersten Augenblick geben sich diese Begriffe ein wenig spröde, jeder versteht etwas anderes darunter oder weiß vielleicht garnicht wovon die Rede ist. Auch einem Team dies als die Grundlage seines Handels zu vermitteln, kann mitunter schwer fallen.

Jetzt kann man sich das agile Manifest zur Hand nehmen und sich die dort niedergeschriebenen Prinzipien anschauen. Oder den Scrum Guide und die Scrum Werte diskutieren. Aber meiner Meinung bleibt das immer noch sehr abstrakt und ist von der Lebenswirklichkeit der Mitarbeiter doch arg entfernt. Deshalb habe ich mir mal Gedanken gemacht, wie ich das aufschlüsseln, verstehen, darstellen und letztlich auch vermitteln kann.

Prinzipien verstecken sich in allgemein-sprachlichen Floskeln wie „Im Prinzip hast Du ja Recht!“, „Prinzipiell esse ich kein Fleisch.“, „Aus Prinzip Reise ich nicht in Länder mit diktatorischen Regimen.“ usw. usf. Was heist das nun? Nehmen wir mal das Beispiel „Prinzipiell esse ich kein Fleisch!“. Das bedeutet im wesentlichen, dass die sprechende Person Vegetarier ist. Diese Person strebt also dieses Verhalten möglichst konsequent an und versucht es, auch gegen Widerstände, im eigenen Leben durchzusetzen, vielleicht sogar andere von diesem Prinzip zu überzeugen.

Nun sei einmal angenommen, dass sich dieser Mensch auf einer wunderbaren Gartenparty dazu hinreißen lässt ein Grillwürstchen zu essen. Das Prinzip wurde nun zwar verletzt, was aber nicht bedeutet, dass es keine Gültigkeit mehr hat. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich die Überzeugung dieser Person nicht geändert haben und sie wird weiterhin Vegetarier bleiben, diesen „Zwischenfall“ abhaken oder aufarbeiten und ihren Prinzipien treu bleiben.

Ein Prinzip ist also allgemein gültig und verliert auch nicht seine Gültigkeit, wenn es mal verletzt wird.
Das Verletzen eines Prinzips kann aber Anlass sein, über die weitere Gültigkeit für die Zukunft nachzudenken.

Dieses Prinzip beruht auf einer starken inneren Überzeugung dieses Menschen, die in unserem Beispiel vielleicht mit Tierliebe umschrieben werden kann. Diese starke innere Überzeugung, dass ein abstrakter Begriff (Tierliebe) allgemein gültig für das Leben sein sollte, beschreibt letztlich genau das, was ein Wert ist. Auf dem Wert Tierliebe beruht also das Prinzip „Ich esse kein Fleisch.“

Dererlei Beispiele gibt es, wenn man sich mal umschaut zu Hauf:

10 Gebote des Christentums: „Du sollst nicht töten!“, also ein Prinzip als Gesetz/Gebot formuliert, basiert offensichtlich auf dem Wert des menschlichen Lebens an sich.

Gesetze: Steuerhinterziehung wird bestraft; auch hier wieder ein Prinzip, das auf dem Wert solidarische Gemeinschaft beruht. Jeder ist aufgefordert nach seinen Möglichkeiten einen finanziellen Beirag am Gemeinwesen zu leisten.

Ein Wert ist also durch einen abstrakten Begriff beschriebene innere Überzeugung. Ein Prinzip ist die auf dieser Überzeugung beruhende Handlungsmaxime.

Die Scrum Werte (Commitment, Fokus, Offenheit, Respekt, Mut) sind im Scrum dann die Basis für das prinzipielle Arbeiten in einem agilen Scrum Team.

Prinzipiell …

  • legen wir uns als Team auf den Umfang eines Sprints fest (Commitment)
  • kann man sich auf unsere Aussagen verlassen (Commitment)
  • arbeiten wir nur an wenigen Dingen gleichzeitig und springen nicht hin und her (Fokus)
  • sprechen wir Probleme auch (und besonders) gegenüber Vorgesetzten sofort an (Offenheit, Mut)
  • etablieren wir als Manager eine Fehlerkultur, die den Lerneffekt in den Vordergrund stellt (Offenheit)
  • agieren wir wertschätzend miteinander und empfinden die Besonderheiten eines Menschen als Bereicherung für das Team (Respekt)
  • gehen wir davon aus, dass jede(r) nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat (Respekt)
  • sind Fehler für uns eine Chance zur Weiterentwicklung und Verbesserung (Respekt, Mut)
  •  …

Wie durch die „…“ angedeutet, kann die Ableitung von Prinzipien aus den Scrum Werten hier nur angerissen werden. Vieles ist vielfach erprobte Praxis, vieles muss/kann im täglichen Handeln neu entworfen oder anders interpretiert werden.

leichte babylonische Sprachverwirrung

Agile Softwareentwicklung beruht im letzter Instanz auf dem agilen Manifest (das natürlich alle schon mal gelesen haben …), das seinerseits agile Prinzipien und Werte festgelegt hat. Unter Werten versteht das agile Manifest folgende Zusammenstellung:

Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Das agile Manifest ist hier sprachlich ein wenig ungenau, denn man findet Werte-Paare und nicht Einzelwerte, wobei die eine Seite der anderen prinzipiell vorzuziehen sei. Ok, das funktioniert recht gut: Wir finden also vier herausragende Werte: Individuen und Interaktionen, funktionierende Software, Zusammenarbeit mit dem Kunden, Reagieren auf Veränderungen.

Die darauf beruhenden Prinzipien lassen sich dann aus dem Paar ableiten. Beispiel: Prinzipiell reden wir miteinander und berufen uns prinzipiell und im Zweifel nicht auf Prozesse und Werkzeuge. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch Prozesse und Werkzeuge gibt und geben muss, nur liegt die Wertschätzung klar auf der linken Seite.

Sinngemäß lässt sich das für die anderen Werte-Paare ebenso durchführen und die Prinzipien ableiten. Zusammengefasst lassen sich die grundlegenden Werte des agilen Manifestes aus der linken Seite der Werte-Paare und die daraus resultierenden Prinzipien aus den damit verbundenen rechten Seite.

Nun gibt es aber im agilen Manifest auch explizit zwölf dort benannte Prinzipien. Das erste lautet:

Unsere höchste Priorität ist es,
den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung
wertvoller Software zufrieden zu stellen.

Das ist nun ein wenig anders formuliert, als ich es in meinen obigen Ausführungen dargestellt habe. Macht aber nix, da sich auch diese Prinzipien auf die Werte des agilen Manifestes beziehen lassen; in diesem Fall sicherlich auf das zweite Werte-Paar. Also kleine Übung kann man ja mal die weiteren Prinzipien auf die entsprechenden Werte-Paare beziehen und sie im Sinne von „Prinzipiell tun wir dies und jenes“ umzuformulieren. 🙂

Nicht zuletzt sei hier noch der Scrum Guide erwähnt, der weitere fünf Werte vorschreibt, nach denen Produktentwicklung nach Scrum erfolgen soll.

 

tl; dr

Werte sind abstrakte Begriffe, die als Überschrift für persönliches wie berufliches Handeln dienen und aus denen sich Prinzipien, d.h. grundlegende Handlungsmaxime, ableiten lassen; Sie bilden, richtig eingesetzt ein Orientierung-gebendes System.
Agile Arbeit beruht fundamental auf dem agilen Manifest, in dem Werte-Paare die Werte und Prinzipien der Arbeit festlegen.

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